10.01.2009

Ohne eine Stange, an der sich der Mensch hinauf winden kann, wird er erst zum Kriecher, dann zum Schädling und schließlich zur Fäulnis.

Wie das Gesetz von Ursache und Wirkung die Arbeitswelt prägt.
Von Ursula Seiler



Die meisten Menschen möchten, daß das Leben immer wie ein fauler Nachmittag auf einem wunderschönen See ist.


Der Mann auf dem amerikanischen Flughafen sah nicht aus wie jemand, dem man gerne einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Das T-Shirt, das er trug, sagte ein übriges: Born to Party, Forced to Work. – „Zum Feiern geboren, zum Arbeiten gezwungen“. Könnte man es in hiesigen Läden kaufen, es wäre wohl ein Bestseller. Kürzlich trat in einer Schweizer Talk-Show eine Dame auf, der man ohne genaueres Hinsehen sofort einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Seit sie im Jahre 1957 heiratete – sie war damals schon Prokuristin bei der Bank – heißt sie Adelheid von Muralt. Die rüstige, gepflegte Dame schwärmte von der guten alten Zeit, als die Kuriere in Zürich einfach noch mit einem Koffer voll Geld von Bank zu Bank gehen konnten – ohne jede Sicherheitsvorkehrung. Wie schön es damals noch war, als man sich zwar nicht wie heute leutselig duzte, dafür aber Respekt voreinander hatte. Man fühlte sich sogar im Geldtempel als Familie, die gemeinsam etwas schuf, und die Herren Direktoren bekamen ein paar tausend Franken im Jahr und keine Boni in Millionenhöhe. Dafür waren sie glücklich und zufrieden, sagt Adelheid von Muralt. Wahrscheinlich würde sie ein T-Shirt, auf dem steht „zum Feiern geboren, zum Arbeiten gezwungen“ als Beleidigung empfinden. Denn für Adelheid von Muralt ist das Tätigsein ein Segen. So stellt sie seit vierzig Jahren ETH-Studenten Zimmer für einen äußerst günstigen Preis zur Verfügung. Jeden Morgen steht sie um Viertel nach vier Uhr auf und macht einen ausgedehnten Spaziergang. Früher mit Hund, jetzt halt ohne, aber immer noch täglich, des Rhythmus wegen. Und weil es so beglückend ist, die Welt vor dem Aufwachen zu erleben. Adelheid von Muralt liest gerne, und noch lieber arbeitet sie in ihrem großen Garten. Ihr Traum vom Glück heißt „Dankbarkeit für alles, was ich erleben darf“, und ihr Motto „Packen wir’s!“.

Spüren Sie es auch? Diese leise, von Wehmut getragene Sehnsucht nach Menschen wie Adelheid von Muralt, die heute so rar geworden sind in einer von Profiteuren und Drückebergern bevölkerten Welt?


Die Putzfrauen-Tragödie
Woran liegt es, daß es heute so wenig Menschen wie Adelheid von Muralt gibt? Vielleicht ist es tatsächlich eine Generationenfrage. Stern-TV machte vor ein paar Wochen in Berlin einen Putzfrauen-Test: Eine von einer Party verwüstete Wohnung sollte aufgeräumt und saubergemacht werden, und zwar in Abwesenheit des Besitzers. Dabei wurden die Probanden von einer versteckten Kamera gefilmt. Von acht getesteten Personen oder Teams schnitt nur ein einziges wirklich gut ab: ein Paar vorgeschrittenen Alters. Alle anderen hatten in der einen oder anderen Form geschlampt: Beispielsweise der junge Mann, der mit demselben orangefarbenen Lappen erst die Badewanne putzte, dann das Waschbecken, danach das Innere der Toilette, anschließend den Trog in der Küche und zu guter Letzt das Brotbrett! Zwei Frauen – eine junge Frau afrikanischer Abstammung, die andere etwas älter und leicht verwahrlost – hatten den Vogel abgeschossen. Verbrachten nicht nur einen guten Teil der verrechneten Arbeitszeit mit Rumlümmeln auf dem Sofa, sie aßen auch von den Pralinen des Auftraggebers, schauten seine persönlichen Sachen an, öffneten und lasen seine herumliegende Post und klauten bis zu 19 Euro aus der Telefonkasse! Zu ihrer Arbeitsweise befragt, meinte die Schwarze, für ihre Standards sei sie mit sich zufrieden, während die andere Frau (die volle 19 Euro hatte mitgehen lassen) lapidar erklärte, sie müsse schließlich auch leben und Putzfrauen-Jobs seien sowieso zu schlecht bezahlt. Ihr Gewissen hatten diese beiden Frauen offensichtlich schon vor langer Zeit k.o. geschlagen.


Nicht, daß nur Reinigungskräfte von solch einer miserablen Arbeitsmoral heimgesucht würden. Im Fernsehen konnte man auch schon heimlich gefilmte Klempner und andere Handwerker dabei beobachten, wie sie ahnungslose Klienten über den Tisch zogen – sei es mit überzogenen Arbeitszeiten, unnötigen Reparaturen oder sonstigem Pfusch.


„Deutschland ist eine Servicewüste“ titelte unlängst ein großes deutsches Nachrichtenmagazin. Die Menschen wollen nicht mehr dienen. Sie finden das eklig, untertanenmäßig und höchst uncool. Da eifern sie den Italienern nach, die ebenfalls allesamt kleine Neros sind, zum Herrschen und nicht zum Dienen geboren. Allen voran die Kellner, die dem Gast eher das Gefühl geben, ein Bettler als ein Gast zu sein.


Da wundert es denn auch nicht, daß all die kleinen Kaiser in ihren Currywurstbuden, Hinterhofgaragen, Vorstandsetagen und Bürofluchten Krieg führen – gegen die Mitarbeiter genauso wie gegen die Kunden.


Der Anfang aller Laster
Wir wagen zu behaupten, daß das in der guten, alten Zeit nicht so war. Klar gab es damals auch bärbeißige Bosse und arbeitsscheue Angestellte. Doch die Haltung, daß Arbeit nur eine lästige Pflicht ist, die zu verachten schon fast zum guten Ton gehört – das gab’s noch nicht in dem Umfang wie heute. Jeder wußte: Wenn man Geld braucht, muß man arbeiten, basta. Es gab noch keine verirrten Thesen wie „das Geld für sich arbeiten lassen“, die einem immer das frustrierende Gefühl vermitteln, etwas falsch zu machen, wenn man selber arbeitet – und am Ende des Monats weniger in der Tasche hat als jene, die sich auf den unsauberen (jawohl!) Trick verstehen, das Geld für sich arbeiten zu lassen. Es gab weder so viel Freizeit noch so viele Ablenkungen wie heute. Am Abend von der Arbeit müde zu sein, war ein natürlicher und befriedigender Zustand, der sich heute fast nur mehr einstellt, wenn der Abend schweißtreibend im Fitneß-Studio verbracht wird. Die meisten Arbeiten von heute machen nicht nur nicht rechtschaffen müde, sie sind so bewegungsarm, daß bereits mit künstlichem Bewegen kompensieren muß, wer nicht an Muskelschwund leiden will.


„Müßigkeit ist aller Laster Anfang“ warnt der gute alte Volksmund, und Faulheit gilt als eine der sieben Todsünden. Und siehe da: Im gleichen Maße wie der Mensch mangels harter Arbeit faul werden konnte, wuchsen seine Laster. Fatal wirkte sich aus, daß zur selben Zeit, als er sich vom Joch des „im Schweiße deines Angesichts“ befreite, sich auch die Schnüre des moralisch-religiösen Korsetts lösten, das ihn jahrhundertelang aufrecht gehalten hatte. „Ein Haus, das zu viele Dienstboten hat, welche nicht die meiste Zeit beschäftigt werden, wird nicht nur schlecht bedient, sondern auch eine Schule der Faulheit und des Lasters“, warnte schon im 18. Jahrhundert der Pädagoge Johann Bernhard Basedow.


So sind die letzten Jahrzehnte mit ihrem steigenden Wohlstand und ihrer fallenden Religiosität und Moral zu einer „Schule der Faulheit und des Lasters“ geworden. Niklaus Meienberg, der vielleicht berühmteste Schweizer Journalist der vergangenen Jahrzehnte, dessen Herz weit links schlug, sagte in einem Interview im Jahre 1986: „Eine Zeitlang schien mir die katholische Erziehung kulturelle Zwangsernährung. Aber jetzt, wo ich sehe, wie immer mehr Formen untergehen, zum Beispiel die Liturgie, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, das war früher Einheit mit dem Kosmos, das tut mir jetzt weh, da geht eine wahnsinnige Welt unter, an der ich noch partizipiert habe, das war sinnlich, war Kultur im besten Sinn.“ Sieben Jahre nach diesem Interview nahm Meienberg sich das Leben.


Der „aufgeklärte“ Linke spricht etwas sehr Wichtiges an: Ohne eine Stange, an der sich der Mensch hinauf winden kann, wird er erst zum Kriecher, dann zum Schädling und schließlich zur Fäulnis. Die Faulheit verwest von innen, frißt die Seele auf und läßt nur Unlust, Verzagen und Lebensangst übrig. Wie hatte es der US-Literaturnobelpreisträger William Faulkner einst gesagt? „Man kann nur brennen oder faulen.“


Karma in der Arbeitswelt
Nachdem wir lange wie die Maden im Speck leben konnten, ist der Speck nun plötzlich ranzig geworden. Das Wirtschaftswunder ist von Heuschrecken aufgefressen und die schöne Spekulationswelt von Finanzbeben heimgesucht worden. Vor allem die Heuschrecken sind allgegenwärtig und ihre liebste Nahrung heißt Jobs. Jene, die sich jahrelang lustlos zur Arbeit quälten, werden jetzt plötzlich von ihrer Last erlöst: Sie verlieren ihren Arbeitsplatz. Hurra! Endlich nicht mehr jeden Montag in den Stollen! Endlich auf Staatskosten frei sein!


Verzeihung. Es schickt sich nicht, über so was Zynismus zu verbreiten. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist allzuoft eine persönliche Tragödie, und manches Mal trifft es den Falschen und Unschuldigen. Doch ach so mancher sieht die Arbeit erst dann als etwas Wertvolles an, wenn er sie verloren hat und gegen die pure Freude langer langweiliger Nachmittage auf dem Sofa eingetauscht hat. Da war es ja noch besser, vom Kollegen gemobbt zu werden!


Doch die eigentliche Frage, die sich nie jemand stellt, ist die: Besteht ein Zusammenhang zwischen der immer schlechteren Qualität von Arbeit und dem Verschwinden derselben? Es ist so leicht, mit dem Finger auf die bösen Bosse zu zeigen, die aus lauter Gier wegrationalisieren, was möglich ist. Und natürlich ist dies die eine Seite der Medaille. Und wie wir gerade erleben, holt auch sie ihr Karma ein. Doch die andere Seite der Medaille zeigt uns – und dieses Bild entspricht durchaus demjenigen auf der Rückseite: Eine üble Ursache ruft üble Wirkungen hervor!


Könnte man die heute geleistete Arbeit als feinstoffliche Energie wahrnehmen, man würde vermutlich entsetzt wegschauen. In der Nachkriegszeit, als die Menschen dankbar und glücklich waren, arbeiten zu dürfen, als sie voller Wertschätzung auf das blickten, was ihnen das „Wirtschaftswunder“ ermöglichte – ein Häuschen, einen VW Käfer, die ersten Ferien in Italien – da glühten die Fabriken vor positiver Energie. Man schaue sich nur einmal die Wochenschauen aus jener Zeit mit ihrem heute schon kitschig wirkenden, freudig-optimistischen Kommentar an! Natürlich gab’s auch damals partiell Pech und Pleiten, doch aufs Ganze gesehen war die Arbeitswelt gut. Die Menschen hatten auf bitterste Weise gelernt, was es bedeutete, alles zu verlieren und sich aus Trümmern wieder ein Leben aufbauen zu müssen. Sie behielten über Jahrzehnte eine gute Arbeitsmoral – man denke an den Berliner „Putzfrauentest“, wo ein Paar um die Sechzig das einzig ehrlich-zuverlässige gewesen war. Das Leben hatte diese Menschen gelehrt, ihr Bestes zu geben.


Und wie steht es mit der Hippie-Generation, die im Wohlstand aufgewachsen ist? Sie lernt jetzt auf erschreckende Weise, daß dieser Wohlstand ein Ende haben kann. Man plötzlich selber ein Gastarbeiter ist, der sein Auskommen fern von den Lieben im Ausland suchen muß. Wer hätte das in den 60er Jahren in Deutschland für möglich gehalten, als man noch milde auf die Italiener herabsah? Überall wirkt das Gesetz von Ursache und Wirkung. Und wenn die Arbeitnehmer ihren Arbeitgebern nur frustrierte, mißgelaunte, schlechte Energie abliefern – dann trägt dieses Verhalten für sie üble Früchte. Und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Arbeitgeber diese verrottete Energie so schnell wie möglich loswerden wollen und Arbeitsplätze zusammenstreichen – auch wenn sie es aus anderen Motiven tun. Vieles hat seinen Ursprung auf feinstofflichen Ebenen. Nur weil wir nicht die Sinne besitzen, diese Schwingungen wahrzunehmen, heißt das nicht, daß sie nicht existieren!
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Arbeitslosigkeit: Die Krise überwinden Die Bewußtseins-Insel der Angst Auf der einen Insel ging man davon aus, daß das Leben gefährlich und anstrengend ist, da nur die Stärksten überleben könnten. Deshalb war jeder auf der Hut, weil der Nächste, der ihm begegnete, sein Feind sein konnte. Alle befanden sich zumindest latent in ihren Gedanken und in ihren Gefühlen in einem großen Kampf. Jeder strebte danach, auf die eine oder andere Weise überlegen zu sein, und wer sich in irgendeiner Hinsicht als schwach zeigte, wurde allgemein mit Verachtung gestraft oder verfiel seiner eigenen inneren Verurteilung und Schmach. Wer allerdings eine geachtete Stellung errungen hatte, lobte das System als einzig sinnvoll und posaunte in großer Selbstgefälligkeit, daß jeder eine solche Stellung erringen könne – mit der heimlichen Häme, daß jeder, der es nun versuchen sollte, zu seiner Höhe aufzusteigen, an seinem eigenen Scheitern die große Fähigkeit des ach so Erhabenen bewundern müsse.Die Bewußtseins-Insel des Vertrauens Auf der anderen Insel war das Leben völlig anders. Die Menschen erlebten das Leben als Geschenk, als ständige Bereicherung, weil jeder seine Fähigkeiten, seine Stärken und Schwächen offen ausdrückte und teilte und jeder von jedem lernte. Die Theorie, die das Denken und Handeln der Menschen auf dieser Insel bestimmte, war, daß das Leben nur durch Geben erhalten und im Fluß bleibt und sie alle nur gemeinsam eine hohe Ebene des Lebens erreichen konnten. Das Zusammenleben basierte darauf, daß man die Stärken jedes einzelnen erkannte und achtete, daß immer einige da waren, die in dem stark waren, wo andere schwach waren. Da die ganze Gemeinschaft jeden achtete, war alles von Annahme und Wertschätzung bestimmt, und mit der Zeit begann jeder, die Schwäche eines anderen mit seiner Stärke zu heilen. Auf diese Weise erreichten sie immer höhere Ebenen von Fähigkeit und schufen immer mehr kulturelle Güter, die die gemeinsamen Werte widerspiegelten. Auf welcher der beiden Inseln würden Sie gerne leben? Wo meinen Sie, können Sie am besten Ihre mitgebrachten Talente und Fähigkeiten entfalten? Wo gibt es die stärkste wirklich gemeinsam schaffende und allgemein nützliche Zusammenarbeit? Sicherlich entscheiden Sie sich spontan für die zweite Insel. Doch glauben Sie tatsächlich, daß ein solches Leben möglich ist? Leben Sie so? Spüren Sie, hier sitzt die Neurose! Die meisten Menschen glauben nicht mehr, daß das Leben gut ist, daß wir gemeinsam eine aufbauende und wertschätzende Lebensform schaffen können. Warum? Weil die meisten die alten Verletzungen zum Anlaß nehmen, um auf die Kampfinsel umzuziehen. Die Verletzung ist ohne Zweifel schmerzhaft und zunächst niederschmetternd. Viele sind nun leider allzu schnell bereit, ihr Denken über sich selbst und die ganze Welt zu korrumpieren; sie beginnen, an eine bösartige, zerstörerische Welt zu glauben – nur so macht das Erleben von Schwäche, Ohnmacht und Scham überhaupt Sinn, so meinen sie.
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1000BITSKISSES
JANET

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