Zum Neujahr
Im Schoß der Mitternacht geboren,
Worin das Kind bewußtlos lag,
Erwacht, zum Leben jetzt erkohren,
Das Jahr am ernsten Glockenschlag.
An seiner Wieg' ein Engel sitzet,
Dem vom zwiefachen Angesicht
Zwiefacher Glanz des Lebens blitzet,
Hier Abendrot, dort Morgenlicht.
Hier mit dem abendrothen Blicke
Schaut er nach Westen hin, und sinnt
Zusammenfassend die Geschicke
Der Jahre, die vorüber sind:
Dort mit dem Morgenantlitz wendet
Er sich erwartungsvoll zum Ost,
Dem, was von dort die Zukunft sendet,
Entgegenblickend still getrost.
Dann, während in des Engels Mienen
Das Abendroth stets matter glüht,
Und immer heller ist erschienen
Auf ihnen, was wie Morgen sprüht;
Nimmt er das Kind aus seiner Wiegen,
Und aus des Engels Auge bricht
Die Thräne, die darein gestiegen,
Indes sein Mund zum Kindlein spricht:
O du, der jüngste jetzt der Söhne,
Die unsre Mutter Zeit gebar,
Sei mir in deiner Unschuld Schöne,
Sei mir gegrüßt, du junges Jahr!
Schon manches hab' ich aus der Wiege
Genommen und zu Grab gelegt,
Damit ans Licht ein andres stiege,
Und süße Hoffnung stets gehegt:
Die Hoffnung aller Welt und meine,
Die jedem Jahr entgegentönt,
Ob endlich einmal das erscheine,
Von welchem sei das Werk gekrönt,
Ob endlich das sei angebrochen,
Von welchem uns erfüllet sei,
Was von den vor'gen ward versprochen?
Wenn du das bist, so sag' mirs frei.
Ich kann durch meiner Rührung Zähren
Nicht deine Züge deutlich sehn;
Ein Lächeln scheint sie zu verklären:
Sprich, soll durch dich uns Heil geschehn?
Willst du nicht wieder täuschend schwinden,
Wie vor dir deiner Brüder gnug,
Daß wir den Glauben wieder finden,
Den uns geraubt der Zeiten Lug?
Willst du den bangen Knäul entwirren,
Der um der Menschheit Brust sich schlang,
Und lösen ird'scher Zwietracht Klirren
Auf in harmon'schen Sphärenklang?
Aufführen aus bewegten Stoffen
Den Bau, der auf sich selbst kann ruhn?
Kurz, was wir wünschen, was wir hoffen,
Ja, was wir fordern, willst du's thun?
O seligstes der Zeitenkinder,
Wenn das Geschick das Amt dir beut,
Zu sein der Ernte Garbenbinder,
Die jene vor dir ausgestreut!
So wünsch' ich dir vom Himmel heuer
Den besten Sonnenschein, der frommt,
Daß in die große Völkerscheuer
Der Weizen unberegnet kommt.
So wünsch' ich, daß ein neues Leben
Der alten Erde Mark durchdringt,
Daß aus des nächsten Herbstes Reben
Uns goldnes Heil entgegen springt;
Daß bei des Jahres Brot und Weine
Frei unter offnem Himmelssaal
Die Völker feiern im Vereine
Das große Bundesabendmal.
Friedrich Rückert: Gesammelte Gedichte. Bd. 3.
2. Aufl. Erlangen, Verlag von Carl Heyder 1839,
S. 381-383. Zeitgedichte, zweites Buch.

7 Kommentare:
Liebe Janet,
ich finde es sehr mutig in der Silvesternacht unterwegs zu sein. Ich hätte gerade da große Angst (vor den Knallkörpern und betrunkenen Menschen)… Am sichersten und am wohlsten (glücklichsten) fühle ich mich, in der Silvesternacht in meinem schönem zu Hause (Wohnung).:)
Ich wünsche Dir ein sehr glückliches Neues Jahr 2010.
Herzlichst Belinda
PS. Danke für den Wegweiser zu den Kerzen. Sehr schöne Sache…:):)
Liebe Janet,
Friede auf Erden den Menschen, die.... Du weisst schon.
Dir ein frohes neues Jahr und ganz viel Herzlichkeit
Suscha & Bodo
Ja, Belinda, in Hamburg gerät man schnell unter Raketen- und Kanonenschläger-Beschuss. Da liebe ich die Stille auf dem Land.
***
Euch allen alles Liebe immer wieder genau .... jetzt ....
MonikaMaria
Oh ja Janet, die Sylvesterknallerei sehen wir uns immer von einem Hügel aus an. Von hoch oben ist es schön. Wenn wir danach wieder Nachhause fahren fühle ich mich auch jedes Mal, asl führe ich durch ein Kriegsgebiet. Knallerei, unglaublich viel Rauch und der Gestank.
Aber diesmal war ich auf einer super netten Party, mit gutem Essen, gutem DJ, lieben Freunden und Feuerstelle statt Knallerei.
@MonikaMaria
ich liebe die Stille auf dem Land auch, aber es ist so schwer Land und Arbeit miteinander zu verbinden.
Allen ein gutes, fruchtbares 2010
Nene
"O du, der jüngste jetzt der Söhne,
Die unsre Mutter Zeit gebar,
Sei mir in deiner Unschuld Schöne,
Sei mir gegrüßt, du junges Jahr!
Schon manches hab' ich aus der Wiege
Genommen und zu Grab gelegt,
Damit ans Licht ein andres stiege,
Und süße Hoffnung stets gehegt:..."
Ja, du bist es, oh ich weiß es nun,
ja, mit dir will ich es wagen,
du wirst segnen all mein Tun,
niemals werd ich mehr verzagen.
Deine Kraft, dein Licht soll heben
tief im Inneren mein Herz,
endlich, endlich werd ich leben,
frei vom Leid und auch vom Schmerz...
Hallo ihr Lieben, da freu ich mich aber über den Neujahrsgrußtausch hier..
Belinda und Nene, ich wäre ja bei dem Feuerwerk auch lieber hoch oben gewesen..oder hätte es von weiten gesehen.. Nächstes Jahr werde ich ans Meer fahren und am Ostsee-Strand das neue Jahr beginnen. Und niemand hält mich davon ab..sowas mach ich nicht nochmal mit..da nimmt man extra Reissaus aus Berlin... Christi Himmelfahrt bekomme ich hohen Besuch aus dem Norden.. www.usedom-netzer.de Darüber freue ich mich sooo sehr! Ein schönes Omen! Ja Landleben schön und gut wenn keine Arbeit da ist um sein Leben würdig zu gestalten dann ists schlecht, da muss man dann Kompromisse machen...
♥
J
lass uns in einer ganzen Karawane ans Meer fahren zum nächsten Jahreswechsel
:o))
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