10.05.2010

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Im Schatten des Flügelschlags

Prolog

Ein weiches Weiß. Schnee fällt in dicken Flocken hinab, wirbelt durch die halb geöffnete Tür des Hotels hinein und schmilzt auf dem Parkett. „Meine Füße sind kalt.“ „Komm, ich wärme sie dir.“ Nackt laufe ich hinaus in die erfrierende Welt, die Arme ausgebreitet. Ich würde jetzt fliegen wollen, durch Wolken schwimmen und die Stunden bis zur Sonne zählen. Unsere Häute spannen sich, ich fühle meine Zungenspitze, wo sie deine berührte, und schmecke den Rauch deiner letzten Zigarette. „Magst du Fisch?“ „Ich mag lieber Hühnchen“, sage ich. „Bin ich ein Hühnchen?“ „Nein, eine Ananas.“ „Welcher Teil von mir?“ „Alle.“ Eine Krähe breitet ihre Flügel aus. Über ihr schmilzt das Sonnenlicht, das nach und nach in die Luft sickert. „Bin ich noch da?“ frage ich. Du antwortest nicht. Die Geister schlafen, ich höre ihr Atmen und sehe vereinzelt Lichter am Horizont, die aufglühen und wieder verlöschen.


Buch 1, Kapitel 2

Er sammelte das Geld in einer aufgeschnittenen Dose, in seiner Sonnenbrille spiegelte sich der blaue Rauch, der von der Straße aufstieg. Die Stadt dampfte. Darüber der Himmel, eben erwacht, Wolkentürme, dazwischen verstreut mattes Licht. Die Krähen saßen auf den Hochspannungsleitungen, die wie ein Netz zwischen den Häusern gespannt waren. Eine Metropole, der Traum einer Metropole, in der Sonne, Mond und Sterne wie Filmattrappen wirkten. Er hielt mir die Dose entgegen. In seinen Brillengläsern sah ich ein verzerrtes Abbild von mir. Ich schüttelte den Kopf, ging weiter, schwamm im Rauch, im Dampf, schwamm zwischen wuchernden Häusern in den feinen Lichtbahnen der Straßen, folgte den Fäden des Stromes. Die Sonne verbrannte den Himmel, gegenüber ein Mond aus Pappmaché über dem Meer, das die Stadt im Osten begrenzte. Fäden des Stromes durchziehen die Stadt, die Hochspannungsleitungen führen durch die Straßen, manchmal einzeln, dann als dicker Strang, der sich unterwegs wieder auffächert in viele Fäden, die sich kreuz und quer zwischen den Häusern verirren. Und überall hockten Krähen auf den Leitungen. Einer der wenigen Freunde, die ich hatte, und einer der seltenen Menschen mit Ärmelschonern, die der Welt verblieben waren, arbeitete für die Stromwerke. Er überprüfte die Leitungen und jammerte, wie oft es Defekte gäbe. Deshalb habe man in dieser Stadt mindestens zwei Verbindungen, so dass immer noch Strom fließt, falls eine Leitung wieder zusammenbräche. Bis zu fünf parallele Leitungen habe er schon gesehen, und niemand, selbst bei den Stromwerken, habe eine Übersicht, wie viele es insgesamt gäbe. Aber das wäre gar nicht das große Problem, sondern dass jeden Tag mindestens eine Leitung nicht mehr funktioniere. „Es liegt an den Krähen“, sagte Kawaka dann. Er war ein Mensch, der selten einen Gedanken loslassen konnte, um einen neuen zu fassen. Er blieb lieber bei dem alten, vertrauten Gedanken. „Sie sind einfach zu schwer geworden.“ „Wenn wir die Krähen nicht hätten, wüssten wir nicht, wie wir den Tag leben sollten“, erwiderte ich. Daraufhin schwieg Kawaka, nippte an seinem Tee und starrte ausdruckslos vor sich hin. Irgendwann schüttelte er dann den Kopf, trank noch einen Schluck und sagte dann leise „Als ob ich wüsste, wie man den Tag leben soll.“ Ich mochte Kawaka. Ich mag alle Menschen, die ein wenig verzweifelt sind, und Kawaka mit seinen Ärmelschonern schien mir besonders verzweifelt zu sein.Er versuchte, alles zusammenzuhalten, diese Stadt mit ihren wirren Hochspannungsleitungen, die Erinnerungen, sein Leben, das er so einfach sortiert hatte wie Schuhe in einem Schuhschrank. Meistens gelang es ihm. Aber er wusste auch, dass immer ein unerfüllter, lauernder Rest des Chaos bleiben würde. Deshalb trug er Ärmelschoner. Von meinem Schreibtisch aus sah ich jeden Tag eine Krähe, die mich zu beobachten schien. Wenn ich sie bemerkte, blinzelte sie, breitete dann die Flügel aus und flog mühelos wie in Zeitlupe davon. „Die Schatten wachsen.“ Sie sah die Tasse Kaffee vor sich an, in der sich zwei Zuckerwürfel langsam auflösten. Wir hatten uns geliebt, erst am Abend, dann am Morgen, wir rochen nach Sex, die Bettwäsche, das Zimmer, in dem wir uns danach am kleinen Glastisch gegenüber saßen und Kaffee tranken, noch nackt, noch atemlos. „Welche Schatten?“ fragte ich. „Die Wände, sie verdunkeln sich.“ „So?“ Ich schaute die Wände an. Es stimmte, ich rauchte zu viel, und sie waren im letzten Jahr deutlich dunkler geworden. Aber so dramatisch fand ich es auch wieder nicht. Ich zündete mir eine Zigarette an. „Ich habe geträumt“, sagte sie. „Von einem Mann. Von einem Mann mit einem Messer. Ich lag auf deinem Bett, ich hatte Lust, mit dir zu schlafen, und dann war ein anderer Mann da, du warst weg, und er stach auf mich ein. Jede Stelle, die er durchbohrte, wurde schwarz. „Aha.“ Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. „Magst du ein Frühstücksei?“ „Dann wachte ich auf und war erleichtert, dass du da warst, alles nach dir roch. Dass ich dich anfassen konnte.“„Dann hat so ein Alptraum auch etwas Gutes.“ Sie hatte bisher zu ihrem Kaffee gesprochen, jetzt schaute sie auf und mich an. Blaugrün. Sie lächelte nicht. „Ja“, sagte sie. „Was?“ „Ich mag ein Ei.“ „Das linke oder das rechte? Sie lächelte nicht. Langsam wurde es draußen hell, in den Büros gegenüber brannte Licht. Es war ein normaler Werktag, ein Freitag. Ich ging in die Küche, schaltete den Gasherd an, setzte den Topf mit den Eiern auf und wartete. Noch immer kannte ich ihren Namen nicht, obwohl wir uns schon seit einem halben Jahr regelmäßig trafen. Sie saß damals am Nebentisch im Café. Kleine Tische mit Marmoroberflächen, geschwungene Stühle aus rotem Holz. Es war noch früh und wir waren die ersten Gäste an diesem beginnenden Sommertag. Sie las ein Buch, ich ebenfalls. Ich schaute sie an. Blaugrüne Augen, Haare wie Krähenflügel, die Kleidung wie ein Scherenschnitt, Handschuhe aus rotem Leder, etwas dunkler als ihr Halstuch. Ich bestellte uns ein großes Kännchen Kaffee, danach noch eins und noch eins. Wir unterhielten uns weiter über Tiere, Bücher, das Wetter, den Sommer, über Johnny Cash, über Freunde und Liebe, über ihren roten Schal und die roten Handschuhe und meine bunten Hemden. Ich wusste nicht, warum sie im Sommer ein Halstuch und Handschuhe trug. Ich hatte weder ein Halstuch noch Handschuhe – sie gehörten für mich zu den nutzlosen Erfindungen. Ich trug eine schwarze Hose und ein graues Hemd mit weißen Knöpfen. Ich hatte damals noch ein grünes und ein rotes Hemd, ich zog sie aber selten an. Ich fand, dass Farben nicht zu mir passten, vor allem mochte ich kein Grün. Ich versuchte, herauszufinden, welches Buch sie las, und sie tat das gleiche bei mir. Unsere Blicke trafen sich ungefähr auf der Mitte und wir lächelten. „Darf ich mich kurz zu dir setzen?“ fragte sie. „Ja, gerne.“ Sie leerte den Rest Kaffee in die Tasse und ließ das Kännchen stehen. Als sie neben mir saß legten wir unsere Bücher nebeneinander auf dem Tisch. Sie las einen Roman von Kawabata, ich ein Buch über Giraffen. Sie lachte. „Giraffen?“ „Ja, ich mag Giraffen.“ „Und Pandas?“ „Pandas werden überschätzt.“„Finde ich auch. Ich mag keine Tiere, die niedlich sind.“ Ich bestellte uns ein großes Kännchen Kaffee, danach noch eins und noch eins. Wir unterhielten uns weiter über Tiere, Bücher, das Wetter„Was machst du, ich meine beruflich?“ fragte sie. „Ich weiß es noch nicht. Ich bin gut darin, mir seltsame Dinge auszudenken.“ „Vielleicht“, sagte ich. Was ich nicht sagte, war, dass ich schon versucht hatte, einen Roman zu schreiben. Das heißt, ich hatte es nicht nur einmal versucht, sondern dutzende Male. Ich kam nie über die erste Seite hinaus, und so lagerten inzwischen unzählige Romananfänge in der Schublade. Inzwischen war ich ziemlich gut darin, Anfänge zu schreiben. Ich erfand auch gerne Namen. „Wie heißt du?“ fragte ich. „Das weiß ich nicht. Ich habe mich noch nicht festgelegt.“ „Aha.“ „Ich möchte nach Japan gehen, irgendwann, und dann werde ich meinen Namen finden. Irritiert dich das?“ „Ein bisschen. Hast du wenigstens einen Spitz- oder Kosenamen?“ „Nein“„Ich könnte dich Donnerstag nennen, weil heute Donnerstag ist.“ „Untersteh dich.“ Wir gingen zu mir. Es war Mittag und es war heiß. Wir hörten „Hurt“ von Johnny Cash und begannen uns zu küssen. Wir zogen uns aus, wir küssten uns weiter, verhedderten uns, fassten uns an. Als ich dann in ihr war schloss sie die Augen und öffnete den Mund.



Johnny Cash verstummte. Wir waren erst sanft, dann wild, dann atemlos, dann händeringend. Ich dachte „Das ist Sex, das ist richtiger Sex“ bevor sich die Welt für einen Augenblick auflöste und sich nur widerwillig neu zusammensetzte. Anders, als sie zuvor gewesen war. „Das macht dann 100 Euro“, sagte sie und hielt ihre Hand auf. Ich musste besonders dämlich dreinschauen, denn sie fing an laut zu lachen.


morgen gehts weiter...


Das schnellste Medium im Internet wird das langsamste: Ab dem 3. Mai 2010 erscheint erstmals ein deutschsprachiges Buch komplett auf Twitter. Der Verlag Motu One veröffentlicht den Roman “Im Schatten des Flügelschlags” von Marcel Magis über das junge Medium, im Herbst 2010 folgt die Buchausgabe sowie E-Book-Versionen für iPhone, iPod touch und iPad.

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