
Das Christ-Kind in uns
Predigt Christmette 2010
Innenstadtkirche St.Ludwig Darmstadt
24.12.2010 / 17.00 Uhr & 22.30 Uhr
Meine Schwestern, meine Brüder,
in dieser Heiligen Nacht gilt die Aufmerksamkeit wie eh und je in der Weihnacht dem Kind: dem „göttlichen Kind“, dem „holden Knaben im lockigen Haar“, dem „Kindelein von Herzen“, dem „Bambino Gesù“, dem Christkind. Dieses Kind besingen wir und bringen es in unseren Krippen zur Darstellung.
Ist es da verwunderlich, daß wir an das Kind denken, das wir einst waren? Daß es um die inneren Schutzmechanismen, die dieses gewesene Kind ausblenden und ruhig halten in dieser Nacht schlecht bestellt ist? Das Kind erwacht. Nicht umsonst stehen die von der jüdischen Bildhauerin Fanny Wolfskehl unserer Krippe eingefügten Kinder dieses Jahr dem bethlehemitischen Kind am nächsten.
Ich halte ein kleines, schon leicht vergilbtes Foto in Händen, das mich als Kind schreiend auf dem Arm meiner Großmutter zeigt. Ich bin heute nicht mehr und doch noch dieses Kind. Das abgelichtete Kind und der, der vor Ihnen steht, sind ein und dieselbe Person.
Und doch: Bin ich das noch? Dieses Bild zeigt mich vor nahezu 50 Jahren. Und dieses Bild ein Ereignis, das über 2000 Jahre zurückliegt. Geht es in dieser Nacht um eine bloße Erinnerung an dieses historische, also vergangene, wenn auch folgenreiche Ereignis? Geht es, wenn ich mein Kinderbild ansehe um bloße Erinnerung, an ein Ereignis, das ich ohnehin nicht bewusst zu erinnern in der Lage bin?
Nein nicht um eine bloße Erinnerung, sondern an ein tatsächliche, also wirkliche Er-Innerung, also eine Ver-Innerlichung dessen, was einst in Bethlehem geschah und eben jenes Kindes, das ich einst war, aber doch aufgrund der Ich-Kontinuität auch heute noch bin. Ist doch, was ich damals erlebte in den Tiefen meines Bewusstseins, also im Unbewußten gespeichert und durchaus lebendig, weil es mich über das hinaus, was ich weiß, in meinem Fühlen und Empfinden lenkt und bestimmt.
Jenes Kind, in dem Gott einst Mensch wurde, will nicht, daß man seine Geburt als ein in grauer Vorzeit stattgefundenes Ereignis abtut. Wenn auch mit Glitzer und Brimbamborium. „Ein bisschen Glanz und Gloria. Der Rest ist doch eh Pillepalle“ war heute ein populärer Sportler im Hörfunk zu vernehmen. So leicht läßt sich das göttliche Kind nicht abtun. Es will in mir neu geboren werden, so daß es gegenwärtig Relevanz gewönne. Daher rührt die Idee einer in Italien verbreiteten „presepe vivente“, einer „lebendigen Krippe“. Es geht in dieser Nacht darum das in Holz oder in unserem Fall in Wachs erstarrte oder gegossene Geschehen zu verlebendigen. Es geht um ein „Aggiornamento“, um eine „Verheutigung“ des Weihnachtsereignisses.
Die Krippe aus Holz ist das eine, die unserer Seele das andere. Nicht erst Meister Eckhart oder Angelus Silesius waren dieser Auffassung, indem der eine von der Gottgeburt in der Seele und der andere von der Notwendigkeit der Geburt Jesu nicht nur in Bethlehem, sondern in uns sprach. Hören Sie selbst. Zunächst Meister Eckhart: „Die Leute meinen,
daß Gott allein dort Mensch geworden sei. Das ist nicht so. Denn Gott ist sowohl hier (Hinweis auf Krippe) wie dort (Hinweis auf Herz) Mensch geworden. Und darum ist er Mensch geworden, daß er Dich als seinen eingeborenen Sohn gebäre, und um nichts weniger. Er gebiert in der Seele seinen Sohn und gebiert Dich mit seinem eingeborenen Sohne“. Prägnanter der Schlesier Angelus Silesius: „Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren!“ Bereits Jesus von Nazareth hatte Nikodemus gegenüber von der Notwendigkeit einer Neugeburt jedes Menschen gesprochen.
Meister Eckhart weist uns unmissverständlich den Weg zum Geheimnis der bethlehemitischen Geburt: „So musst du, wenn du diese Geburt finden willst in den Ursprung und Grund zurückkehren, aus dem Du gekommen bist“. Deshalb nahm ich das Bild zur Hand, das mich auf meine Ursprünge verweist.
Ich frage mich, wie ich wohl dem Kind in mir und damit IHM auf die Spur käme. Nicht indem ich meine Mutter befragte, die mir dieses oder jenes schildern könnte. Nicht indem ich mich über das historische Ereignis der Geburt Jesu informierte, das als solches keine unmittelbare Relevanz für mich hätte. Wir feiern nicht lediglich ein äußeres und schon gar kein vergangenes Ereignis. Wir erinnern uns indem wir ein Bild unserer Kindheit vor Augen haben nicht allein eines äußeren Ereignisses unserer Kindheit. Denn dieses ist uns, weil uns an unser vorbewußtes Leben die Erinnerung fehlt, ohnehin nicht erinnerlich. Wenn ich dieses Bild ansehe, das mich als Kind auf dem Arm der Großmutter zeigt, erwacht nicht nur das Kind von einst, sondern mein inneres Kind und tritt in Beziehung zu mir.
Wer den Neugeborenen feiert wird daran nur dann gut tun, wenn er selbst sich einer erneuten Geburt unterzöge. Dann wäre nicht irgendwann irgendetwas geschehen, sondern dann geschähe das Wunder aller Wunder, nicht außerhalb, sondern innerhalb meiner, indem ich neu geboren würde.
Und wie? Erinnern Sie sich der Frage des Nikodemus: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden.“
Recht hat er. Wäre da nicht unsere Vorstellungskraft. Sie versetzt uns in die Lage unser inneres Kind auf der inneren Bühne unserer Psyche auftreten zu lassen. So konkret als möglich. Dieses Kind schreit weiter in uns, es ist weiter hilflos in uns, es hat Bedürfnisse, es hat Hunger, hat Ängste, es lächelt unbefangen, es tollt und spielt, es verlangt nach Wärme und Nähe, fordert aber auch Distanz und Respekt ein. Möglicherweise beklagt es Defizite. Vielleicht erfuhr es zu wenig Liebe, zu wenig Anerkennung, zu wenig Ermutigung, zu wenig Aufmerksamkeit. Vielleicht wurde es vernachlässigt und zurückgewiesen. Schlimmstenfalls missbraucht.
Wer kann diesem traumatisierten Kind helfen? Wer hilft dem Kind in Ihnen? Nicht die Eltern, die man nicht für alles zur Verantwortung ziehen kann und darf. Auch sie sind nur Menschen und ihrerseits Kinder ihrer Eltern. Wer diesem Kind wirklich zu helfen in der Lage ist, ist der Erwachsene in Ihnen. Nehmen Sie Ihr inneres Kind sanft an der Hand, setzten Sie es nicht vor die Tür. Es könnte erfrieren. Begegnen Sie ihm mit Verständnis, treten Sie in ein Gespräch mit ihm ein. Nehmen Sie es in die Arme. Trösten Sie es. Nehmen Sie ihm wo Sie nur können die Angst. Machen Sie es stark. Und schenken
sie ihm im wahrsten Sinne des Wortes um Gottes willen Aufmerksamkeit. Dann begegnen Sie in sich selbst dem göttlichen Kind, das in jedem inneren Kind wiedergeboren Heil und Segen schenkt.
Wenn Ihnen das alles zu theoretisch schien und Sie sich für einen eher visuell ansprechbaren Menschen halten, lade ich Sie ein, einen Augenblick der Bilder gewahr zu werden, die Sie auf Ihrem Liedheft reproduziert finden.
Zunächst die Rückseite. Freilich gibt es einen Teil in Ihnen, der weit weg von diesem inneren Kind einen weiten Weg auf sich nehmen müsste, um diesem inneren Kind seine Aufwartung zu machen. Diesen Teil Ihrer Persönlichkeit repräsentieren die Noch die ökonomisch potenten Könige. Sie tragen ihr Ge-Habe vor sich her. Es ist ein weiter Weg bis dahin, daß sie begreifen werden, daß der Einklang mit ihrem inneren Kind sie nach einstweiligen Erfolgen, aber einer unerklärlichen inneren Leere – Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert - daß der Einklang mit ihrem inneren Kind sie weiterbringt als das ganze Gehabe und Getue ihres Standes. Denn längst wissen oder ahnen sie, daß sie – obwohl sie alles haben – im Wesentlichen „Habenichtse“ sind. Deshalb brachen sie aus und auf. Sie werden in der Begegnung mit ihrem inneren Kind begreifen, daß man letzten Endes nur gilt wegen des Wesentlichen, und daß, wenn man das verlor oder preisgab, das Leben vertan ist. Diesen Moment finden sie in dem ersten der Könige dargestellt. Die Habe aus der Hand gelegt wird er wesentlich. Er fand zurück zu seinem inneren Kind, weiß sich von ihm berührt, küsst es zärtlich. Er ist wieder er selbst.
Oder nehmen Sie auf dem Titelbild Joseph wahr, der angesichts der Geburt dieses Kindes nichts anderes zu tun hat als Fußhygiene zu betreiben. Er repräsentiert jenen Teil in uns, der von solchen theologisch aufgeladenen Psychologismen nichts wissen will. Sie belächelt. Für den zählt, was ist und nicht, was wir fühlen, empfinden, retroperspektivieren oder gar imaginieren, indem wir so etwas wie einem inneren Kind in uns Platz einräumen. Er repräsentiert – sehen Sie nur sein Gesicht – den Frustrierten, der für nichts mehr einen Blick hat.
Maria hingegen sieht dem „inneren Kind“ ins Auge und nimmt den Glanz wahr, der von ihm ausgeht. Sie wird sich um dieses Kind kümmern. Um ihr „inneres Kind“. Sie wird Verantwortung für dieses innere Kind übernehmen.
Sie auch? Werden Sie begreifen, daß nichts und niemand die Aufmerksamkeit ersetzen kann, die Sie dem Kind in sich und damit sich selbst schulden? Werden Sie dieses Kind umsorgen, es behüten, es annehmen, seine Gefühle zulassen, es trösten und stark machen?
Erst dann träte der erwachsene Messias an Ihre Seite und heilte, was in Ihnen verwundet ist. Denn dazu wurde der Heilige Mensch: um zu heilen, was verwundet ist. Ihr Kind – ich zitiere Else Lasker-Schüler - schreit auf um Mitternacht. Nehmen Sie es an. Stillen Sie es. Lassen Sie es nicht in sich verhungern. Mit ihm stürbe der Christ, nein: der Mensch in Ihnen. Wiegen Sie es in Armen. Sie werden sehen, wie mit Ihrem inneren Kind das Christus-Kind in Ihnen erwacht und Sie heilsam berührt. Und wenn Sie es partout nicht wach bekommen, diese vergessene Kind in Ihnen. Wenn es gar entschlafen sein sollte. Seien Sie versichert: es meldet sich, wo Sie sich zurückgewiesen fühlen, wo Sie
sich statt umsorgt ausgesetzt fühlen, wo Sie nicht erwachsen, sondern mit unverstellten kindlichen Gefühlen reagieren.
Die indianische Tradition kennt den Brauch einen Menschen in einer Krise in den Armen zu wiegen, um das innere Kind zu wecken, von dem man überzeugt war, daß es den Erwachsenen voller Weisheit leite. Viele Wiegenlieder der Weihnacht gleichen diesem Ritus. Nehmen Sie also Ihr inneres Kind in den Arm und wiegen Sie es. Kümmern Sie sich um sich! Dann genügten Sie dem Gebot Jesu, der nicht von Selbstverleugnung, sondern davon sprach, daß wir den Nächsten lieben sollten wie uns selbst.
Machen Sie es denen, die Sie lieben nicht so schwer, indem Sie alle Liebe von ihnen erwarteten. Lieben Sie sich selbst und in sich den in Ihnen Mensch gewordenen Gott. Sie werden sehen daß Sie diesermaßen zu einem geheilten, zu einem ganzen, zu einem liebenswürdigen Menschen würden. Daß Menschwerdung gelänge.
Wie viel Heilung ginge umgekehrt davon aus, wenn das erwachte innere Kind den Erwachsenen in mir an die Hand nähme, ihn tröstete, ihn anrührte, ihm seinen Ursprung zurückschenkte, das Glück und die Geborgenheit mancher Kinderstunde zurückgäbe, ihn darin bürge, so daß wahr würde, was das nur scheinbar naive Weihnachtslied meiner Kindheit „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“ zum Ausdruck brachte. Nicht nur daß es das Weihnachtsereignis vergegenwärtigt. Es weiß um die Sehnsucht von diesem Kind an der Hand genommen zu sein. Hören Sie nur die Innerlichkeit der Melodie: „ Steht auch mir zur Seite / still und unerkannt, / daß es treu mich leite / an der lieben Hand.“
Ich stelle mir konkret vor, daß dieses Kind den nun Erwachsenen entführte in eine vergangene Kindheit, die doch auch Gegenwart ist, weil ich es war, der sie erlebte. Die mir heute vor Augen steht. Die mich berührt. Ich stelle mir vor, daß dieses Kind die heilsamen Ressourcen freisetzte, die ihm in frühester Kindheit zur Verfügung standen und aufgrund der Neugeburt oder besser der durch das Kind von Bethlehem ausgelösten Wiedergeburt des Kindes in mir den ungeborgenen und verletzten, den ringenden und enttäuschten, den ausgelaugten und stolzen Erwachsenen trösteten und heilten.
Ich habe in manchen Krisen an die heilenden Ressourcen, die dem Quellgrund meiner Kindheit entsprangen und immer entspringen werden, glauben gelernt. Deshalb umgebe ich mich gerne mit diesem Bild, mit Gegenständen meiner Kindheit. Nicht wie meine Geschwister vermuten aus Nostalgie oder Sentimentalität, sondern weil ich um die heilsame Kraft weiß, die dieses Kind auf mich ausübt und ich das göttliche Kind geheimnisvoll eins weiß mit ihm. So begegnet mir das göttliche Kind von innen. Aus meinen Ursprüngen. Kraft der nachweisbar in entsprechenden Hirnarealen gespeicherten frühkindlichen Erfahrungen, die in dieser Nacht wach werden und das „Kind in mir“ wecken.
Dieses Kind in mir singt die Lieder, lauscht dem Weihnachtsevangelium, erspürt das Weihnachtsgeheimnis, bestaunt die Lichter und weiß sich in dieser Nacht angerührt von etwas unendlich Heiligem: jenem Kind, in dem Gott Mensch wurde und das wach wird und wiedergeboren wird in jedem Kind: auch und konkret in meinem inneren Kind, von dem ich mich an der Hand nehmen lasse und das mir staunend erklärt:
Es wird ein großer Stern in meinen Schoss fallen Wir wollen wachen die Nacht. In Sprachen beten, Die wie Harfen eingeschnitten sind. Wir wollen uns versöhnen die Nacht - So viel Gott strömt über. Kinder sind unsere herzen. Die möchten ruhen müdesüß. Und unsere Lippen wollen uns küssen, Was zagst Du? Grenzt nicht mein Herz an deins - Immer färbt dein Blut meine Wangen rot. Wir wollen uns versöhnen die Nacht, wenn wir uns herzen, sterben wir nicht. Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.
Predigt Christmette 2010
Innenstadtkirche St.Ludwig Darmstadt
24.12.2010 / 17.00 Uhr & 22.30 Uhr
Meine Schwestern, meine Brüder,
in dieser Heiligen Nacht gilt die Aufmerksamkeit wie eh und je in der Weihnacht dem Kind: dem „göttlichen Kind“, dem „holden Knaben im lockigen Haar“, dem „Kindelein von Herzen“, dem „Bambino Gesù“, dem Christkind. Dieses Kind besingen wir und bringen es in unseren Krippen zur Darstellung.
Ist es da verwunderlich, daß wir an das Kind denken, das wir einst waren? Daß es um die inneren Schutzmechanismen, die dieses gewesene Kind ausblenden und ruhig halten in dieser Nacht schlecht bestellt ist? Das Kind erwacht. Nicht umsonst stehen die von der jüdischen Bildhauerin Fanny Wolfskehl unserer Krippe eingefügten Kinder dieses Jahr dem bethlehemitischen Kind am nächsten.
Ich halte ein kleines, schon leicht vergilbtes Foto in Händen, das mich als Kind schreiend auf dem Arm meiner Großmutter zeigt. Ich bin heute nicht mehr und doch noch dieses Kind. Das abgelichtete Kind und der, der vor Ihnen steht, sind ein und dieselbe Person.
Und doch: Bin ich das noch? Dieses Bild zeigt mich vor nahezu 50 Jahren. Und dieses Bild ein Ereignis, das über 2000 Jahre zurückliegt. Geht es in dieser Nacht um eine bloße Erinnerung an dieses historische, also vergangene, wenn auch folgenreiche Ereignis? Geht es, wenn ich mein Kinderbild ansehe um bloße Erinnerung, an ein Ereignis, das ich ohnehin nicht bewusst zu erinnern in der Lage bin?
Nein nicht um eine bloße Erinnerung, sondern an ein tatsächliche, also wirkliche Er-Innerung, also eine Ver-Innerlichung dessen, was einst in Bethlehem geschah und eben jenes Kindes, das ich einst war, aber doch aufgrund der Ich-Kontinuität auch heute noch bin. Ist doch, was ich damals erlebte in den Tiefen meines Bewusstseins, also im Unbewußten gespeichert und durchaus lebendig, weil es mich über das hinaus, was ich weiß, in meinem Fühlen und Empfinden lenkt und bestimmt.
Jenes Kind, in dem Gott einst Mensch wurde, will nicht, daß man seine Geburt als ein in grauer Vorzeit stattgefundenes Ereignis abtut. Wenn auch mit Glitzer und Brimbamborium. „Ein bisschen Glanz und Gloria. Der Rest ist doch eh Pillepalle“ war heute ein populärer Sportler im Hörfunk zu vernehmen. So leicht läßt sich das göttliche Kind nicht abtun. Es will in mir neu geboren werden, so daß es gegenwärtig Relevanz gewönne. Daher rührt die Idee einer in Italien verbreiteten „presepe vivente“, einer „lebendigen Krippe“. Es geht in dieser Nacht darum das in Holz oder in unserem Fall in Wachs erstarrte oder gegossene Geschehen zu verlebendigen. Es geht um ein „Aggiornamento“, um eine „Verheutigung“ des Weihnachtsereignisses.
Die Krippe aus Holz ist das eine, die unserer Seele das andere. Nicht erst Meister Eckhart oder Angelus Silesius waren dieser Auffassung, indem der eine von der Gottgeburt in der Seele und der andere von der Notwendigkeit der Geburt Jesu nicht nur in Bethlehem, sondern in uns sprach. Hören Sie selbst. Zunächst Meister Eckhart: „Die Leute meinen,
daß Gott allein dort Mensch geworden sei. Das ist nicht so. Denn Gott ist sowohl hier (Hinweis auf Krippe) wie dort (Hinweis auf Herz) Mensch geworden. Und darum ist er Mensch geworden, daß er Dich als seinen eingeborenen Sohn gebäre, und um nichts weniger. Er gebiert in der Seele seinen Sohn und gebiert Dich mit seinem eingeborenen Sohne“. Prägnanter der Schlesier Angelus Silesius: „Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren!“ Bereits Jesus von Nazareth hatte Nikodemus gegenüber von der Notwendigkeit einer Neugeburt jedes Menschen gesprochen.
Meister Eckhart weist uns unmissverständlich den Weg zum Geheimnis der bethlehemitischen Geburt: „So musst du, wenn du diese Geburt finden willst in den Ursprung und Grund zurückkehren, aus dem Du gekommen bist“. Deshalb nahm ich das Bild zur Hand, das mich auf meine Ursprünge verweist.
Ich frage mich, wie ich wohl dem Kind in mir und damit IHM auf die Spur käme. Nicht indem ich meine Mutter befragte, die mir dieses oder jenes schildern könnte. Nicht indem ich mich über das historische Ereignis der Geburt Jesu informierte, das als solches keine unmittelbare Relevanz für mich hätte. Wir feiern nicht lediglich ein äußeres und schon gar kein vergangenes Ereignis. Wir erinnern uns indem wir ein Bild unserer Kindheit vor Augen haben nicht allein eines äußeren Ereignisses unserer Kindheit. Denn dieses ist uns, weil uns an unser vorbewußtes Leben die Erinnerung fehlt, ohnehin nicht erinnerlich. Wenn ich dieses Bild ansehe, das mich als Kind auf dem Arm der Großmutter zeigt, erwacht nicht nur das Kind von einst, sondern mein inneres Kind und tritt in Beziehung zu mir.
Wer den Neugeborenen feiert wird daran nur dann gut tun, wenn er selbst sich einer erneuten Geburt unterzöge. Dann wäre nicht irgendwann irgendetwas geschehen, sondern dann geschähe das Wunder aller Wunder, nicht außerhalb, sondern innerhalb meiner, indem ich neu geboren würde.
Und wie? Erinnern Sie sich der Frage des Nikodemus: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden.“
Recht hat er. Wäre da nicht unsere Vorstellungskraft. Sie versetzt uns in die Lage unser inneres Kind auf der inneren Bühne unserer Psyche auftreten zu lassen. So konkret als möglich. Dieses Kind schreit weiter in uns, es ist weiter hilflos in uns, es hat Bedürfnisse, es hat Hunger, hat Ängste, es lächelt unbefangen, es tollt und spielt, es verlangt nach Wärme und Nähe, fordert aber auch Distanz und Respekt ein. Möglicherweise beklagt es Defizite. Vielleicht erfuhr es zu wenig Liebe, zu wenig Anerkennung, zu wenig Ermutigung, zu wenig Aufmerksamkeit. Vielleicht wurde es vernachlässigt und zurückgewiesen. Schlimmstenfalls missbraucht.
Wer kann diesem traumatisierten Kind helfen? Wer hilft dem Kind in Ihnen? Nicht die Eltern, die man nicht für alles zur Verantwortung ziehen kann und darf. Auch sie sind nur Menschen und ihrerseits Kinder ihrer Eltern. Wer diesem Kind wirklich zu helfen in der Lage ist, ist der Erwachsene in Ihnen. Nehmen Sie Ihr inneres Kind sanft an der Hand, setzten Sie es nicht vor die Tür. Es könnte erfrieren. Begegnen Sie ihm mit Verständnis, treten Sie in ein Gespräch mit ihm ein. Nehmen Sie es in die Arme. Trösten Sie es. Nehmen Sie ihm wo Sie nur können die Angst. Machen Sie es stark. Und schenken
sie ihm im wahrsten Sinne des Wortes um Gottes willen Aufmerksamkeit. Dann begegnen Sie in sich selbst dem göttlichen Kind, das in jedem inneren Kind wiedergeboren Heil und Segen schenkt.
Wenn Ihnen das alles zu theoretisch schien und Sie sich für einen eher visuell ansprechbaren Menschen halten, lade ich Sie ein, einen Augenblick der Bilder gewahr zu werden, die Sie auf Ihrem Liedheft reproduziert finden.
Zunächst die Rückseite. Freilich gibt es einen Teil in Ihnen, der weit weg von diesem inneren Kind einen weiten Weg auf sich nehmen müsste, um diesem inneren Kind seine Aufwartung zu machen. Diesen Teil Ihrer Persönlichkeit repräsentieren die Noch die ökonomisch potenten Könige. Sie tragen ihr Ge-Habe vor sich her. Es ist ein weiter Weg bis dahin, daß sie begreifen werden, daß der Einklang mit ihrem inneren Kind sie nach einstweiligen Erfolgen, aber einer unerklärlichen inneren Leere – Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert - daß der Einklang mit ihrem inneren Kind sie weiterbringt als das ganze Gehabe und Getue ihres Standes. Denn längst wissen oder ahnen sie, daß sie – obwohl sie alles haben – im Wesentlichen „Habenichtse“ sind. Deshalb brachen sie aus und auf. Sie werden in der Begegnung mit ihrem inneren Kind begreifen, daß man letzten Endes nur gilt wegen des Wesentlichen, und daß, wenn man das verlor oder preisgab, das Leben vertan ist. Diesen Moment finden sie in dem ersten der Könige dargestellt. Die Habe aus der Hand gelegt wird er wesentlich. Er fand zurück zu seinem inneren Kind, weiß sich von ihm berührt, küsst es zärtlich. Er ist wieder er selbst.
Oder nehmen Sie auf dem Titelbild Joseph wahr, der angesichts der Geburt dieses Kindes nichts anderes zu tun hat als Fußhygiene zu betreiben. Er repräsentiert jenen Teil in uns, der von solchen theologisch aufgeladenen Psychologismen nichts wissen will. Sie belächelt. Für den zählt, was ist und nicht, was wir fühlen, empfinden, retroperspektivieren oder gar imaginieren, indem wir so etwas wie einem inneren Kind in uns Platz einräumen. Er repräsentiert – sehen Sie nur sein Gesicht – den Frustrierten, der für nichts mehr einen Blick hat.
Maria hingegen sieht dem „inneren Kind“ ins Auge und nimmt den Glanz wahr, der von ihm ausgeht. Sie wird sich um dieses Kind kümmern. Um ihr „inneres Kind“. Sie wird Verantwortung für dieses innere Kind übernehmen.
Sie auch? Werden Sie begreifen, daß nichts und niemand die Aufmerksamkeit ersetzen kann, die Sie dem Kind in sich und damit sich selbst schulden? Werden Sie dieses Kind umsorgen, es behüten, es annehmen, seine Gefühle zulassen, es trösten und stark machen?
Erst dann träte der erwachsene Messias an Ihre Seite und heilte, was in Ihnen verwundet ist. Denn dazu wurde der Heilige Mensch: um zu heilen, was verwundet ist. Ihr Kind – ich zitiere Else Lasker-Schüler - schreit auf um Mitternacht. Nehmen Sie es an. Stillen Sie es. Lassen Sie es nicht in sich verhungern. Mit ihm stürbe der Christ, nein: der Mensch in Ihnen. Wiegen Sie es in Armen. Sie werden sehen, wie mit Ihrem inneren Kind das Christus-Kind in Ihnen erwacht und Sie heilsam berührt. Und wenn Sie es partout nicht wach bekommen, diese vergessene Kind in Ihnen. Wenn es gar entschlafen sein sollte. Seien Sie versichert: es meldet sich, wo Sie sich zurückgewiesen fühlen, wo Sie
sich statt umsorgt ausgesetzt fühlen, wo Sie nicht erwachsen, sondern mit unverstellten kindlichen Gefühlen reagieren.
Die indianische Tradition kennt den Brauch einen Menschen in einer Krise in den Armen zu wiegen, um das innere Kind zu wecken, von dem man überzeugt war, daß es den Erwachsenen voller Weisheit leite. Viele Wiegenlieder der Weihnacht gleichen diesem Ritus. Nehmen Sie also Ihr inneres Kind in den Arm und wiegen Sie es. Kümmern Sie sich um sich! Dann genügten Sie dem Gebot Jesu, der nicht von Selbstverleugnung, sondern davon sprach, daß wir den Nächsten lieben sollten wie uns selbst.
Machen Sie es denen, die Sie lieben nicht so schwer, indem Sie alle Liebe von ihnen erwarteten. Lieben Sie sich selbst und in sich den in Ihnen Mensch gewordenen Gott. Sie werden sehen daß Sie diesermaßen zu einem geheilten, zu einem ganzen, zu einem liebenswürdigen Menschen würden. Daß Menschwerdung gelänge.
Wie viel Heilung ginge umgekehrt davon aus, wenn das erwachte innere Kind den Erwachsenen in mir an die Hand nähme, ihn tröstete, ihn anrührte, ihm seinen Ursprung zurückschenkte, das Glück und die Geborgenheit mancher Kinderstunde zurückgäbe, ihn darin bürge, so daß wahr würde, was das nur scheinbar naive Weihnachtslied meiner Kindheit „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“ zum Ausdruck brachte. Nicht nur daß es das Weihnachtsereignis vergegenwärtigt. Es weiß um die Sehnsucht von diesem Kind an der Hand genommen zu sein. Hören Sie nur die Innerlichkeit der Melodie: „ Steht auch mir zur Seite / still und unerkannt, / daß es treu mich leite / an der lieben Hand.“
Ich stelle mir konkret vor, daß dieses Kind den nun Erwachsenen entführte in eine vergangene Kindheit, die doch auch Gegenwart ist, weil ich es war, der sie erlebte. Die mir heute vor Augen steht. Die mich berührt. Ich stelle mir vor, daß dieses Kind die heilsamen Ressourcen freisetzte, die ihm in frühester Kindheit zur Verfügung standen und aufgrund der Neugeburt oder besser der durch das Kind von Bethlehem ausgelösten Wiedergeburt des Kindes in mir den ungeborgenen und verletzten, den ringenden und enttäuschten, den ausgelaugten und stolzen Erwachsenen trösteten und heilten.
Ich habe in manchen Krisen an die heilenden Ressourcen, die dem Quellgrund meiner Kindheit entsprangen und immer entspringen werden, glauben gelernt. Deshalb umgebe ich mich gerne mit diesem Bild, mit Gegenständen meiner Kindheit. Nicht wie meine Geschwister vermuten aus Nostalgie oder Sentimentalität, sondern weil ich um die heilsame Kraft weiß, die dieses Kind auf mich ausübt und ich das göttliche Kind geheimnisvoll eins weiß mit ihm. So begegnet mir das göttliche Kind von innen. Aus meinen Ursprüngen. Kraft der nachweisbar in entsprechenden Hirnarealen gespeicherten frühkindlichen Erfahrungen, die in dieser Nacht wach werden und das „Kind in mir“ wecken.
Dieses Kind in mir singt die Lieder, lauscht dem Weihnachtsevangelium, erspürt das Weihnachtsgeheimnis, bestaunt die Lichter und weiß sich in dieser Nacht angerührt von etwas unendlich Heiligem: jenem Kind, in dem Gott Mensch wurde und das wach wird und wiedergeboren wird in jedem Kind: auch und konkret in meinem inneren Kind, von dem ich mich an der Hand nehmen lasse und das mir staunend erklärt:
Es wird ein großer Stern in meinen Schoss fallen Wir wollen wachen die Nacht. In Sprachen beten, Die wie Harfen eingeschnitten sind. Wir wollen uns versöhnen die Nacht - So viel Gott strömt über. Kinder sind unsere herzen. Die möchten ruhen müdesüß. Und unsere Lippen wollen uns küssen, Was zagst Du? Grenzt nicht mein Herz an deins - Immer färbt dein Blut meine Wangen rot. Wir wollen uns versöhnen die Nacht, wenn wir uns herzen, sterben wir nicht. Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.
6 Kommentare:
Was für ein ausgesprochen SÜßES Mädchen!
Und dann wächst eine Frau mit B ... heran. Und wer A sagt, muss auch B annehmen.
;O)
Auch das kann ich nicht eindeutig mit ja beantworten..weil Frauen mit B ... heutzutage Möglichkeiten finden..und dann erst B ... annehmen können.
← ;O)) ← ;O))
ES geht weiter ...
... auf der Hühnerleiter.
Hey Janet, danke fürs immer noch Bloggen!
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