Es war einmal ein Aleph (1), das war fast unsichtbar und doch so voller Vielfalt, dass es jeden Moment platzen konnte. Es fühlte sich so allein. Bis es auf das Beth (2) traf. Mit ihm konnte das Aleph alles in zwei Teile teilen und ein eigenes Haus bauen. So war die Last der Vielfalt nur noch halb so schwer, und so allein war es auch nicht mehr. Doch so zufrieden waren beide eigentlich noch nicht, nichts Halbes und auch nichts Ganzes waren sie, so kam das Gimel (3) her und bot den beiden an, sich mit ihnen zu vereinen, dann wäre keiner mehr gespalten. So taten sie und lebten ohne Reibung friedlich vor sich hin in trauter Dreiheit. Bis es eines Tages an der Türe klopfte, und das Dalet (4) mit zwei Freunden um Einlass bat. Es trat ins Innere der drei Hausbewohner und öffnete mit dem He (5) das Fenster, damit alle das „Außen“ sehen konnten. Sie waren alle drei begeistert von der Sicht, woraufhin sich das Beth (2), von der neuen Situation ganz betört, in den anderen Gast, das Waw (6), verliebte und mit ihm eine intime Verbindung einging. In einer „erotischen Ekstase“ zeugten die beiden das Sajin (7), das sich schnell in alle Richtungen ausbreitete. Alle anwesenden Zeichen sahen irritiert zu, wie das Sajin immer mehr wurde und mit jeder Teilung ihr Haus enger wurde. Als das Sajin im Begriff war, sich bis in eine unendliche Vielheit zu teilen, tauchte plötzlich das Chet (8) auf, um es wieder einzufangen und zusammenzuhalten. Alle übrigen Zeichen dankten dem Retter und beschlossen, damit so etwas nicht noch einmal passiert, sich beim weisen Thet (9) Rat zu holen. „Wenn ihr mit dem Sajin in eurem Haus bleiben wollt, dann erweitert es mit Hilfe dieser zwei Spiegel. Darin hat das Sajin unendlich viel Platz und kann sich in seiner ganzen Vielfalt ausbreiten. Aber trotzdem rate ich euch, lasst das Chet (8) nicht von seiner Seite weichen, denn auch hier besteht die Gefahr, dass das Sajin unkontrollierbar wird.“ Es verging eine Ewigkeit, bis das Aleph (1) beschloss, sich zu erweitern und sich eine Null aus dem NICHTS anhängte, um damit das Jod (10) zu werden. Mit dieser neuen Identität wollte es sich jetzt selbst in diesen zwei Spiegeln erfahren. Es hatte doch solche Sehnsucht zu erfahren, wer es wirklich war, und was alles in ihm steckte. Doch die Spiegelwelt war noch chaotisch und ungeordnet, so fragte es seinen alten Freund das Beth (2), ob es nicht auch Lust hätte, sein Gegenüber in der Neuen Welt zu werden und ihm die nötige Spannungskraft zu geben. Das Beth überlegte nicht lang und wurde zum Kaf (20). Aber es war immer noch dunkel, und kein Licht brannte. Da fragten sie beide das Gimel, ob es ihnen die Spiegelwelt beleuchten würde, denn ohne seine Kraft konnten sie nichts erkennen. Das Gimel (3) willigte freundlich ein und wandelte sich so zum Lamed (30). Als die drei auf dem Weg in die Spiegelwelt waren, trafen sie unerwartet das Dalet, das sich bitter beschwerte, weil es niemand gefragt hatte, schließlich wollte es auch mit in die Neue Welt kommen. So bat es: „Ihr werdet es nicht bereuen, wenn ihr mich mitnehmt. Ich forme mich um ins Mem (40) und gestalte euch vor euren Augen durch meine neue Kraft eine Formenpracht in der Spiegelwelt, durch die ihr das Phänomen ‚Zeitfluss’ kennen lernen werdet.“ Keiner wusste zwar genau, was das Dalet damit meinte, aber es wollte ihm auch niemand die Bitte abschlagen, obwohl alle drei wussten, dass es mit dem Dalet wieder turbulent werden würde. So wandelte sich das Dalet (4) in das Mem (40) und schloss sich den dreien an. Am nächsten Tag verabredeten sich alle vier im Zentrum der beiden Spiegel, um ihre Reise in die Neue Welt anzutreten, aber keiner wusste, wie man in den Spiegel eindringt. Da überredete das Mem (40) das He (5), sich ins Nun (50) zu wandeln und ihnen den Eingang zu verraten. Jetzt konnten alle heraustreten aus dem Zentrum, jedoch war noch nichts wirklich geordnet. Erst, als sich das Waw (6) bereit erklärte, zum Samech (60) zu werden, wurde die Voraussetzung für eine schöne Ordnung im Spiegel geboren. Doch dieser wohl geordnete Kosmos war für das kleine Jod viel zu undurchsichtig und unübersichtlich. Das Sajin, das alles aus der Ferne beobachtet hatte, sah, wie traurig das Jod war, weil es sich nicht orientieren konnte, und alles noch viel zu groß war. Aus Mitleid nahm es die Gestalt des Ajin (70) an und wurde das Auge des Jod, mit dem es diese große Ordnung in viele kleine Augenblicke teilen konnte. Jetzt war es dem Jod möglich, Schritt für Schritt durch die große Ordnung zu wandern. Überglücklich sprang es von Augenblick zu Augenblick, doch merkte es schnell, dass jeder Moment gleich war. Sie unterschieden sich nicht voneinander. Es wollte doch eine Neue Welt erfahren, aber bis jetzt schien alles gleich eintönig zu sein. Keine wirkliche Abwechslung war vorhanden. Da merkte es, wie wieder Enttäuschung in ihm hochkroch. Das Mem (40) sah dies und öffnete mit Unterstützung des Chet (8) die Schleusen der Sprache, auf dass sich das Peh (80) entfalten konnte. Das Peh sagte mit gütiger Stimme: „Sei nicht traurig du kostbares Jod! Ich sorge dafür, dass deine Augenblicke gefüllt werden. Mit meiner Kraft des Wortes wird dir eine große Abwechslung zuteil werden.“ Das Jod jauchzte vor Freude, weil es wusste, dass das Peh mit seiner Sprache ihm alles über die Neue Welt erklären würde. Von dem Gejauchze wurde das Thet wach und näherte sich dem Treiben. Es beobachtete das Jod einige Zeit lang, bis es schließlich sagte: „Wenn du wirklich was Neues erleben willst, dann musst du dich von mir auf eine höhere Stufe heben lassen. Ich gehe mit euch und sorge dafür, dass du mit einem Bein in der Spiegelwelt stehst und mit dem anderen hier fest in der Ewigkeit verweilen kannst. Denn nur so wirst du in den wirklichen Genuss der Neuen Welt kommen. Erst als wahrhaftiger Beobachter und aktiver Handelnder gleichzeitig, kannst du den ganzen Geschmack der Vielfalt erfahren. Ohne den festen Halt in der Wirklichkeit wirst du schnell in den raumzeitlichen Fluten untergehen.“ So sprach das Teth (9) und wandelte sich in das Zade (90). Neugierig auf sich selbst willigte das Jod frohgemut ein und stieg auf den Rücken des Zade (90), um sich von ihm in die Neue Spiegelwelt befördern zu lassen. So wurde das Jod (10) in eine neue Ebene geboren, bekam eine zusätzliche Null und erwachte als Koph (100) wieder. Das Kaf (20), das als treues Beth (2) dem Jod in die Spiegelwelt gefolgt war, verwandelte sich ebenfalls durch eine zusätzliche Null ins Resch (200). Mit dieser neuen Kraft konnte es plötzlich aus der Ganzheit des Lichtes stets zweierlei Informationspärchen ‚herausbrechen’, die sich gegenseitig ergänzten. Dadurch war es möglich, die Welt im Spiegel mit einer unendlichen Fülle an Farben und Formen einzukleiden, welche sich letztendlich alle aus dem höchsten Schöpfungspotential (dem Aleph selbst) im Spiegelzentrum erzeugen ließen. So stand sich jetzt das Aleph (1) selbst gegenüber und konnte sich als Koph (100) das erste Mal betrachten. „Schön sehe ich aus und wie vielseitig ich bin. Ich hab es schon immer geahnt, aber nie hätte ich es mir so schön vorgestellt. Hier bin ich viel mehr, als ich es in meinem Ursprung, dem einen PUNKT war“, dachte es sich und war ganz entzückt. „Damit es dir nicht zu langweilig wird, bin ich mit dir gekommen. Ich bin ein Geschenk von unserem Schöpfer an dich“, ertönt es aus dem Hintergrund. Als sich das Koph umdrehte, sah es das Lamed (30) bzw. das Gimel (3) hinter sich, das sich durch eine zusätzliche Null in das Schin (300) verwandelt hatte. „Was hast du denn mit mir vor?“, fragt das Koph mit einem überraschten Gesichtsausdruck. „Ich bringe die Dynamik in deine Welt. Durch mich wird dein Leben im „Spiegel“ erst anregend und abwechslungsreich. Ich lasse dich glauben, du wärst etwas ganz anderes, als du in Wirklichkeit bist. Ich stülpe dir eine Maske über, die deine göttliche Herkunft (Jod) versteckt. Außerdem kannst du mit meiner logischen Kraft alles bewerten und bemessen, um dich so an manche Formen zu binden oder sie zu verstoßen. Ich gebe dir die Möglichkeit, in dir selbst und an dir selbst zu wachsen und so Bewegung in das Spiel im Spiegel zu bringen. Am Ende wirst du sogar über mich selbst hinausgewachsen sein“, verkündete das Schin. „Das verstehe ich nicht!“, antwortete das Koph und äußerte nach einigem Überlegen seine weiteren Bedenken: „Ich denke gerade drüber nach, ob es eher gut oder schlecht ist, wenn du mit mir kommst.“ „Beides gleichzeitig! Aber das macht nichts, wenn du mich noch nicht verstehst. Das ist auch Teil des Spieles. Ich verrate dir nur, dass ich dir am Anfang eher unangenehm erscheinen werde, weil ich dich zu vielen Bewertungen zwingen muss, aber je mehr du mich durchschaust, desto mehr Vergnügen wirst du mit mir haben“, antwortete das Schin (300) mit einem freundlichen Lächeln. Etwas irritiert drehte sich das Koph wieder nach vorne um und bemerkte, wie sich das Mem (40), unser ehemaliges Dalet (4), ebenso verwandelt hatte und jetzt als Tav (400) vor ihm stand. „Bist du jetzt bereit, durch mich und in mir das ‚Spiel des Lebens’ zu erfahren?“, fragte das Tav mit einer schallenden Stimme, die beide Spiegel erzittern ließ. Ganz überrascht und verwirrt über die Mächtigkeit dieses Zeichens hielt das Koph einige Momente inne. „Ich, … äh, weiß nicht, vielleicht überleg ich es mir doch noch mal …“, stammelte das Koph und bereute schon, dass es das Mem mitgenommen hatte. Es konnte doch nicht ahnen, dass sich so ein ‚Monstrum’ daraus entwickeln würde, das ihm solch einen Schrecken einjagte. Das Tav ignorierte die aufkommenden Zweifel und sprach mit bestimmendem Tonfall weiter: „Ich erkläre dir kurz die Spielregeln: Da ein wichtiger Sinn darin liegt, dich wieder zu erinnern, musst du alles vergessen, was du über die Wirklichkeit weißt, denn sonst kannst du das Spiel nicht richtig spielen. Deine Erinnerungen werden dir aber in Maßsetzung deiner inneren Liebensfähigkeit wiederkommen. Häufig als ein ‚intuitives Gefühl der Stimmigkeit’, weil dein polarer Verstand, den du in mir erhältst, dich nur bis zu einer bestimmten Grenze führen kann. Diese überwindest du aber mit deinem festen Glauben, der tief in deinem Herzen wohnt. Ihn stärkst du über das Vertrauen und das aufkeimende Wissen bezüglich deines wirklichen Wesens und deines eigentlichen Ursprungs während deiner Reise durch mich.“ Das Tav sah ein großes irritierendes Fragezeichen über dem verstörten Haupt des Koph schweben und versuchte es daher, mit einer milderen Stimme zu beruhigen: „Es ist alles gar nicht so kompliziert. Du wirst in mir auf viele Geschichten und Gleichnisse stoßen, in denen ich dir auf deiner Reise durch die Neue Welt alles, so gut wie es möglich ist, erkläre.“ „Also, ich …“, versuchte das Koph einzuwenden, jedoch wurde es abermals vom Tav ignoriert: „Alles ist perfekt vorbereitet, dir kann nichts passieren! Dein größter Stolperstein wird deine Fähigkeit sein, dir über deinen Verstand eine theoretische Zukunft auszurechnen. Du bekommst in der Spiegelwelt die Möglichkeit, dir mittels deiner Persönlichkeit eine Zukunft auszudenken und daran so stark zu glauben, als wäre sie Realität, wenngleich sie nur ein selbst gestricktes Luftgespenst ist. Dadurch kannst du in dir Ängste und Sorgen erzeugen. Du wirst daraufhin glauben, dass du unter den Umständen des Lebens leiden wirst, dabei ist es lediglich deine eigene Zukunftsprognose, die dich leiden lässt. Dazu gebe ich dir einen Tipp mit auf deinem Weg: Bleibe dir deines HIER und JETZT bewusst. Diese Welt ist so gestaltet, dass du dich HIER und JETZT nie sorgen und ängstigen kannst. Jeder MOMENT ist eine Insel des Friedens, wenn du es beherrscht, fest in ihm zu verweilen.“ „Was ist denn ‚Leiden’, ‚Zukunft’ und ‚Angst’, und was ist eine ‚Persönlichkeit’?“, wollte das Koph noch wissen. „Das Gefühl kann ich dir hier nicht geben, aber in der Neuen Welt wirst du es ganz schnell wissen. Lass dich einfach überraschen. Bist du jetzt bereit?“ Das Koph zögerte einige Momente …, dann nickte es …
… im nächsten Augenblick schlief es ein und erwachte in einer Welt voller bunter Eindrücke in Form von Gedanken, Gefühlen, Bildern und Erscheinungen …
… mein → Schöpfungs-rei-gen ;)
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